Einfach schreiben - wenn ich nichts Besseres zu tun habe, schreibe ich gerne:

 

Tati - die kleine Biene

 

Es war einmal eine kleine russische Biene, die hieß Tati.

Sie war sehr früh im Jahr geschlüpft und draußen war es noch sehr kalt. Die Blumen hielten ihre Blüten noch geschlossen, so dass den kleinen Bienen langweilig war.

Da hatte Tati eine Idee: „wir stricken!“, schlug sie den anderen Bienen vor. „Aber wir sind doch Bienen“, erwiderten die anderen. Manche von ihnen lachten sogar, was Tati traurig machte. Aber auch trotzig. Und so flog Tati in diesem Jahr als erste aus dem Nest. Nicht jedoch, um Blumen zu suchen, sondern von Bauernhof zu Bauernhof und Tier zu Tier und sammelte Fell, um daraus einen dicken Faden zu spinnen. Ihre sechs Beinchen waren ihr dabei sehr nützlich; die hinteren säuberten die einzelnen Haare und gaben sie an die mittleren weiter, die sie aneinander knoteten und die vorderen schließlich strickten sie zusammen.

Die anderen Bienen schüttelten mit den Köpfen und konnten nicht verstehen, warum Tati das tat.

Es wurde Frühling und die Wiesen blühten in allen Farben, prächtig leuchtend. Doch anstatt nun mit den anderen Bienen hinaus auf die Felder, den Klee, Mohn und Raps und in die Kirschbäume, Apfel- und Pflaumenbäume zu fliegen, blieb Tati am Eingang sitzen und strickte; Pullover, Schals, Mützen, Handschuhe, Stulpen und dann und wann auch einmal eine Strickjacke oder sogar ein ganzes Strickkleid.

Wenn die anderen Bienen ausflogen, fragten sie Tati: „Willst Du nicht auch endlich anfangen, mit uns hinauszufliegen, um Honig zu machen?“ aber Tati schüttelte nur mit dem Kopf und schaute nicht einmal hoch: „Ich bin doch schon beschäftigt“, antwortete sie dann.

Der Sommer kam und Tati strickte immer schneller und ausgefallene Sachen waren dabei, bunte Muster und witzige Schnitte. Sie hatte mächtig Spaß an ihrer Arbeit.

Doch die anderen Bienen begannen zu schimpfen: „Es wird Zeit, dass Du auch an die Zukunft denkst, Tati! Du hast noch keine Vorräte angesammelt! Deine Kleider wirst Du nicht essen können!“ Aber Tati dachte nicht an die Zukunft. Sie war glücklich mit dem, was sie augenblicklich tat. Und das war stricken.

Der Herbst kam und immer weniger Bienen flogen aus dem Bienenstock. Es lohnte sich bald nicht mehr, denn es gab kaum noch Blüten. Bald flog nur noch Tati, wenn ihr Fell knapp wurde, zu den Ställen auf den Bauernhof, bis es draußen anfing zu schneien.

Es war Winter geworden. Nun wurde es auch im Bienenstock immer frostiger und die Bienen brauchten immer mehr Honig, um ihren Energiebedarf zu decken.

Bisher hatte Tatis Mutter ihr immer etwas von ihrem Honig abgegeben, aber nun wurden auch ihre Vorräte knapp. Traurig schaute sie auf Tati, die schon etwas geschwächt wirkte. Die Kälte machte ihr zu schaffen und Tatis Mutter hatte Angst um ihr Baby. Einige Bienen waren trotz ihrer fleißigen Arbeit über´s Jahr schon an der dauernden Kälte zugrunde gegangen.

Da hatte Tati eine Idee: „Ihr müsst euch wärmer anziehen! Dann friert Ihr nicht so und braucht weniger von eurem Honig!“, rief sie den anderen Bienen zu. Ungläubig starrten sie die anderen Bienen an. „Wir sollen die kratzigen Dinger anziehen? Die riechen nach Kuhstall!“, rief Kalle. Kalle war ein fetter Vertreter, der sich schon während der laufenden Ernte ständig vollgefressen hatte und am Ende kaum noch fliegen konnte, so fett war der. „Ich will es versuchen!“, sagte Tatis Mama. Und manch ältere von den Bienen taten es ihr nach. Tati suchte jeder Biene ein passendes Teil aus ihrer Kollektion aus und bekam von den Modefreunden, so nannten sich die kleidsamen Bienen, einen kleinen Vorrat an Honig dafür. Bald waren die Modefreunde in der Mehrzahl und Tati hatte alle ihre Stricksachen verteilt, doch der Winter schien einfach nicht enden zu wollen. Die übrigen Bienen, die kein Kleid abbekommen hatten, froren und auch ihr Honig neigte sich dem Ende. Da hatte Tati wieder eine Idee: „Wir wollen uns aneinanderkuscheln und nehmen die Kleidlosen in die Mitte! Dann müssen sie nicht erfrieren!“, rief sie.

Und so überstand das Bienevolk den Winter, bis der Frühling kam. Alle Bienen flogen aus und sammelten neuen Honig. Alle, bis auf eine. Tati saß wieder am Eingang und strickte, damit es im nächsten Winter auch für die neuen ausreichend Mützen, Schals, Handschuhe, Strickjacken und Kleider geben würde. Wenn die anderen aus- und einflogen grüßten sie Tati und freuten sich über die Muster jedes neuen Teils, dass Tati ihnen zeigen konnte.

Und wenn sie nicht…..

 

Von Hasen im Hafen und moderner Architektur, - und was die Vögel davon haben.

 

Hinter uns lagen dauerfrostige Nächte, da bemerkte ich eine steigende Zahl toter Vögel und einige, die schon arg angefressen, aber noch lebend, in weiten Kreisen um das Fleetschlösschen verteilt niedergegangen waren. Meine Verwunderung über diese lokale Häufung tierischer Sterbefälle wich der Vermutung, dass dies an der Ruhe lag, die diesen Ort umgab. Ein Phänomen bekannt aus der Geschichte der Elefantenfriedhöfe, die der greise Elefant aufsucht, wenn er fühlt, dass es dem Ende zu geht. Die Speicherstadt lag tief im Dornröschenschlaf, so zwischen 15 Uhr und sieben in der Frühe; am Wochenende verirrte sich ohnehin höchstens ein Fuchs aus der Lüneburger Heide einmal hierher. Wenn es dem Ende zugeht, wollen wohl auch die Vögel ihre Ruhe haben – Tauben, Möwen, Amseln, einen Falken sogar und eine Dole habe ich „entsorgt“, bevor die Ratten sich darüber hermachen konnten. An denen mangelte es auch nicht. Manche Vögel blieben wohl bis zu drei Tage an Ort und Stelle liegen, bevor ich sie morgens verscharrt habe – nicht so schlimm, war ja schließlich im Mittelalter ein Friedhof hier!

Das war vor acht Jahren, heute ist von Vögeln in unserem Viertel nicht mehr viel zu sehen, zu hören schon gar nicht. Im frühen Morgengrauen, wenn wir am Wochenende das Fleetschlösschen nach einer Feier absperren, sieht man Menschen herumlaufen, fahren Autos, Taxis, Laster hin und her, Ampeln blinken und stoßen ihre peitschenden Warntöne aus. Die im ehemaligen Zollgebiet Speicherstadt wild erwachsene Natur ist neuen Strassen, Brücken und Hochhäusern gewichen; in deren polierten Fassaden spiegeln sich derart naturgetreu die Topfpflanzen (Topfbäume) der Hafencity, dass die Mitarbeiter der umliegenden Zentralen täglich bei Ihren Rundgängen so genannte „Fehlflieger“ einsammeln müssen. Fehlflieger steuern nicht den Baum direkt an, sondern das Spiegelbild desselben im Schaufenster… Die meisten Flieger sind irgendwann einmal Fehlflieger. Das Revier ist wahrlich kein Paradies mehr für schräge Vögel und so wundert es uns auch nicht, dass man Paradiesvogel Udo Lindenberg nur noch selten in „seinem Revier“ spazieren gehen sieht.

Der Grünflächenanteil in der Speicherstadt wird wohl ab März den Tiefpunkt bei Bestand = Null erreicht haben, also vollkommen arrangiertem Pflastersteinensemble und Stadtmöbeln aus chinesischem Granit gewichen sein. Selbst die Ratten werden dann nur noch sehr vereinzelt aus dem Fleet hochsteigen; der Bisam ist ja auch schon lange verschwunden. Für viele Menschen bedeutet dies vordergründig einen Segen. Und Büroangestellte springen nicht mehr wild schreiend auf besagte Stadtmöbel. Die Kehrseite der Medaille bilden dann die Brückenspinnen, die sich ohne jeden natürlichen fliegenden Feind derart ausbreiten, dass Bewohner schon entnervt einen Umzug „in die Stadt“ in Erwägung ziehen. Nun ja, der Hafen war ja auch nie wirklich ein Quartier für die bourgeoise Dame oder solche, die das darstellen wollen. Die Freude war groß, als ein Drogeriemarkt im Überseequartier eröffnete und frau nicht mehr das Haarspray zweckentfremden musste, um die kleinen Arachnoiden von Balkon oder Fenstersims zu sprühen.

Kalte Nächte und monatelanger Baustellenlärm konnten unserem besten tierischen Freund, „Oberhafenhasi“ nichts anhaben. Gegen Ende 2005 zog er, den Bauarbeiten in seinem angestammten Gebiet weichend, mit seiner fünfköpfigen Familie zu uns, legte sich eine Höhle im Grünstreifen vor dem Schlösschen an, der unseren Teil des Kreuzungsbereiches zu einer grünen Oase machte. Es dauerte eine Weile, bis mir die Hasenfamilie den Gästen von nun an vorzuenthaltenden Salat aus der Hand fraß. Als aber das Eis gebrochen war, vertrauten sie ausnahmslos jedem, der ihm ein Lekkerli anbot. Das führte leider auch dazu, dass wir sie nahezu täglich aus den Klauen sogenannter „Tierretter“ befreien mussten. So mancher erinnert sich noch: Wir haben die Fußballweltmeisterschaft 2006 gemeinsam auf der Wiese vorm Fleetschlösschen geschaut – Vater Hasi hatte einen Stammplatz in der ersten Reihe. Seitdem erfreuten Generationen von Hasenkindern unsere Gemüter und verschlangen Salatkopf und Kopfsalat, aber auch beutelweise Möhren.

In der Nacht, bevor die Bäume vor dem Fleetschlösschen gefällt wurden, hat Vater Hasi dann wohl seine Koffer gepackt, die Kinder aus der Höhle gejagt und ist mit seiner Frau weggezogen. Mobil bleiben heißt, am Leben bleiben.

 

Irgendwie warte ich darauf, dass diese vortreffliche Erzählung des geschätzten Cartoonisten Gary Larson sich IRL vor meinen Augen abspielt: Von einen in einem Betonkübel zurechtplatzierten Stadtbaum in urbanem Ambiente scheint einem Kind gegenüber so viel unnatürliche Unordnung auszugehen, dass die tröstende Mutter die Natürlichkeit und Harmlosigkeit des Baumes umfassend erklären muss. Teilweise verständlich vor dem Hintergrund der Andersartigkeit von einem Spritzer Natur in einer komplett künstlichen Umgebung…

 

Man sagt so oft, Architekten verstünden keinen Spaß. Doch, sie sind der Spaß. Und Stadtplanung ist ein ganz anderes Fach.

 

Angst in den Augen – Vom kurzen Leben und schnellen Sterben des ingo heidtmann

 

28. August 2019

 

 

Früh hatte die Mutter sich aus der kleinen Wohnung gestohlen, war barfuß den Balkonflur im 7. Stock des Hochhauses in Mümmelmannsberg entlang geschlichen und im Treppenhaus, das permanent nach Urin roch, verschwunden.

Ingo war damals gerade fünf Jahre alt. Ein etwas zu klein geratener Junge, dem man den Einsatz der Saugglocke bei der Geburt ansehen konnte. Sein Kopf, sein Gesicht war links übel deformiert.

Weihnachten stand vor der Tür, draußen lag mehr Matsch als Schnee auf den Straßen und auf dem ranzigen Sofa in der Stube, die gleichzeitig Schlaf- und Esszimmer war, lag Ingos Vater volltrunken in seiner Kotze und schnarchte. Ingo saß in seinem viel zu kleinen Gitterbett, weinte und machte sich nass. Seine Mutter hatte er nie wiedergesehen.

Auf dem Spielplatz war Ingo der Liebling aller Mädchen und deren Mütter gewesen, aber bald schon wollte keines der Mädchen mehr zu ihm nach Hause spielen kommen und nachdem die Polizei seinen Vater an einem Freitag im März abgeholt hatte, tuschelten auf dem Schulhof alle und schauten angewidert zu Ingo und schnitten ihn von da an. Sieben war Ingo da. „Wollt Ihr keine Liebe, dann kriegt Ihr eben Hiebe“, schien Ingos Motto von da an zu lauten. Diese Tugend hatte Ingo von seinem Vater abgeschaut, der seinen Frust jetzt nicht mehr an der Mutter, dafür um so intensiver an dem kleinen Ingo auslebte. Ingo tat sich mehr durch Schlägereien als durch Leistung hervor. Die Lehrer schauten weg, wenn Ingo mit Hemathomen im Gesicht zur Schule kam. Dann wollte niemand neben ihm sitzen, denn Ingo hatte sich mal wieder eingenässt, stank nach Urin – „UrinGo!“, schrien alle auf. Er war dann oft abgehauen, aber man hatte ihn immer wieder eingefangen und zur Oma zurückgebracht. Er hatte sich am Hauptbahnhof oder dem Gerhard Hauptmann Platz ein paar Euro verdient – es roch nach Urin auf den Toiletten, aber mitgegangen ist er doch mit den Männern. Hinterher rochen die Toiletten zusätzlich nach seinem Erbrochenem. Den Lehrern war das alles ansträngend und es war seiner Oma zu verdanken, dass er die Schule bis zum Ende der Hauptschule besuchen durfte. Das Amt hatte der Oma die Führsorge übertragen und so wohnte Ingo fortan in der Schrebersiedlung, die gleich neben den Hochhäusern lag und nur zwei Stunden Sonne hatte, wenn es denn mal Sommer war. Der Großvater hatte das kleine Häuschen aus Trümmersteinen gegen Ende des Krieges gebaut und Ingo war jetzt mit Oma der letzte feste Bewohner der Siedlung. Alle anderen waren weggezogen oder weggestorben. Wohnen war heute nicht mehr gestattet, Oma und Ingo bloß geduldet. Irgendwann hatte die Oma Ingo hier zum Mann gemacht. Als sie starb, bot die Stadt Ingo ein bischen Geld an, wenn er das Häuschen räumen würde. Ingo war da gerade 18 geworden und verbrachte die meiste Zeit am Kiosk an der Holstenstraße, wo er sich mit seinen Trinkerfreunden traf und soff. Ingo hätte das Hundertfache bekommen, hätte er sich beraten lassen, aber Ingo war beratungsresistent und wer hätte ihn schon beraten sollen? Außer seinen Saufkumpanen hatte Ingo niemanden, seit Oma tod war und sein Vater im Knast. Eine Freundin hatte Ingo nie gehabt. Es funktionierte nie so richtig, weil Ingo immer an seine Oma denken musste; die weiche Haut, die hängenden fetten Brüste mit riesigen harten Brustwarzen. Und der penetrante Geruch nach altem Urin. Er bekam einfach keinen mehr hoch.

Mit der Abfindung würde er jetzt erstmal seine Kumpels auf ne ordentliche Sauftour auf der Reeperbahn einladen, hatte er sich vorgenommen und auch lautstark verkündet. Er hatte das gesamte Geld abgehoben und ist losgezogen. Fünf Mann hoch war die Truppe, einer abgefuckter als der andere und dazu kam eine Gestalt von Frau, die an ihren dünnen Knochen mehr hing als ging. Das Ziel war jedem klar und hieß Bermudadreieck. Der Name ergab sich aus dem Umstand, daß an dieser Ecke die drei schlimmsten Kaschemmen Hamburgs lagen. Hier gingen mehr Menschen im Alkohol unter als in der gesamten Deutschen Bucht und Seenotretter gab es hier keine. Das pure Elend. Hier fiel keiner aus der Truppe besonders auf und Ingo kannte hier jeder, denn im Suff – also praktisch immer – prügelte er sich gerne den Frust von der zerstörten Leber. Am liebsten vollkommen unvermittelt und ohne ersichtlichen Anlaß zerschlug er dann Flaschen auf fremden Köpfen oder schubste arglose Frauen die Treppen herunter. Dafür hatte er schon öfter Hausverbot erhalten, aber da die Thekenkräfte es nie lange aushielten im ständigen Dreck aus Blut, Scherben, Kotze und Hundescheisse, wurde Ingo schon nach kurzer Zeit nicht mehr behelligt, soff und prügelte weiter. Die Polizei kam ohnehin nicht in die Kneipen. Wer sich beschweren wollte, musste es schon auf die Davidwache schaffen. Das waren nicht viele und die wenigen bekamen dann von den Beamten quasi ihre zweite „Abreibung“ in Form vollkommenen Unverständnisses, was man denn überhaupt dort zu suchen gehabt habe – man sei ja schließlich selber schuld: Und Tschüss, danke für Nix.

Viel los war nicht. Klar, war ja auch grad viertel nach zwei. Kein Grund für die Truppe, nicht gleich ordentlich mit Bier und, zur Feier des Tages, mit Wodka statt des üblichen Korn durchzustarten. Ingo war heute beliebt wie nie. Er war der König der Theke, schmiß eine Runde nach der anderen. Irgendwann hatte Helga, die Thekenschlampe, wie Ingo alle Angestellten gerne titulierte, genug von der primitiven Gruppe und versprach eine Runde aufs Haus, wenn sie in den Elbschloßkeller rübermachen würden. Endlich, nach der dritten Runde, hatte Helga es geschafft. Nicht jedoch, ohne daß Ingo erst in die Mitte der Kneipe gekotzt hatte und Metallkurt, einen schmächtigen Frühpensionär, mit dem Gesicht voran durch die Kotzepfütze gezogen hatte, um mit ihm ordentlich durchzuwischen, wie er lautstark lallend verkündete.

Im Elbschloßkeller trafen sie allerdings direkt auf den Wirt, was für Ingo eine herbe Enttäuschung wurde, denn er hatte noch einen ordentlichen Deckel offen, woraufhin seine Barschaft auf 75 Euro zusammenschrupfte. Disskussionen und Geschrei ließen nicht lange auf sich warten, aber ehe Ingo seinem Frust freien Lauf lassen konnte, hatte ihn der Wirt gepackt und draußen vor der Tür an einen Fahrradständer gefesselt – direkt in die Hundescheisse und zur größten Belustigung der Dealer, Säufer und Nachtschwärmer, die jetzt gegen 22 Uhr den Hamburger Berg bevölkerten. Eine Streife, die gegen 23 Uhr vorbeitrottete, schaute kurz mitleidig interessiert auf den flehenden Blickes im Dreck hockenden Ingo hinunter, folgte dann aber dem kurzen Wink des Wirtes und ging tatenlos vorüber – wer es nicht auf die Wache schaffte, naja.

Als dann aber ein paar besoffene Engländer anfingen, Ingo anzupinkeln, beschwerte sich ein Pärchen - offensichtlich Touris – beim Wirt. Doch als er Ingo losschloss, bekamen sie promt die Quittung für ihre Einmischung. Ingo sprang auf und schlug ihre Köpfe derart zusammen, daß beide ohnmächtig zu Boden fielen. Da verlor der Wirt endgültig die Kontrolle, versetzte Ingo einen Tritt, daß dieser in hohem Bogen auf die Straße flog. Quietschende Reifen, ein dumpfer Knall und das Publikum war sicher, daß es um Ingo geschehen sein mußte. Aus dem Auto hechtete eine von Kopf bis Fuß bunt verkleidete Gestalt, eine will-Frau, eine Tunte, Transe, so ein Sternchen halt, unechte Brüste, stoppelig rasierte Arme mit viel zu feisten Adern und kräftigen Waden in Netzstrümpfen,  viel zu viel Makeup. Einfach und zu viel von allem. Es beugte sich über Ingo, der reglos auf der Fahrbahn vor dem Wagen lag. Tuntenmäßig streichelte es Ingos Gesicht, aber es tat sich nichts.

„Helft mir mal!“, brüllte es zu der blöden Menge herüber und versuchte in viel zu hohen Stöckelschuhen, Ingo ins Auto zu verfrachten. „Der muss ins Krankenhaus, sofort!“ Kräftige Arme packten zu und warfen ingo auf den Beifahrersitz. „Warte Knöfel“, rief der Wirt, aber Transenknöfel war nicht zu bremsen. Das Auto brauste los, musste aber jeh scharf bremsen, als vor ihm ein Taxi vor Rosis Bar abrupt zum Halten kam. Ingo schlug mit dem Kopf aufs Amaturenbrett, weil Knöfel in der Eile vergessen hatte, Ingo anzuschnallen. Wie durch ein Wunder erwachte Ingo durch den Aufschlag zu neuem Leben. Er blickte benommen zum Fahrer herüber und grinste dümmlich. „Sind die echt?“ stammelte er und schmiß seinen Kopf in Knöfels Dekoltee.“Mach ma halblang junger Freund“ rief Knöfel, ließ Ingo aber für einen Moment gewähren, bevor er ihn zurückstieß. „Erstmal bringen wir Dich jetzt zum Arzt und dann schauen wir weiter, was wir mit Dir anfangen können.“ Doch Ingo war wie ausgewechselt. Sein kleines Ding war zum ersten Mal seit Jahren wieder hart und darüber vergaß er alle Hemmungen. Er mußte diese tolle Frau haben, dachte er.

Im Krankenhaus am Nobistor konnten die Ärzte bloß ein paar Schürfwunden, eine Prellung an der Hüfte und eine schwache Gehirnerschütterung feststellen. Knöfel war froh, so glimpflich davon gekommen zu sein, wollte sich aber Ingo gegenüber erkenntlich zeigen, wofür auch immer. Vielleicht, und da scheiden sich die Geister, war es aber auch ein vermeintlicher Mutterinstinkt oder die pure Geilheit, dem kleinen Ingo noch ein wenig zur Seite zu stehen. „Du kommst jetzt erstmal mit zu mir. Auf den Schock brauchen wir einen Piccolo“, flötete Knöfel. Ingo fand, daß das eine gute Idee war. Mehr Alkohol war seiner Ansicht nach immer eine gute Idee und die Aussicht, gemeinsam anzustoßen, wecke erneut seine kleine Latte. Gleich im Auto faßte er wieder zu, griff beherzt zwischen Knöfels Oberschenkel, bekam aber sofort einen Klaps und Knöfel revangierte sich mit einem Griff in Ingos Schritt, der aufjaulte wie ein junger Hund. Schwupps war der Wagen eingeparkt und Knöfel holte behände Ingos Schwänzchen aus der Hose direkt in den Mund. Ingo bekam kaum Luft, atmete schwer und nach einer knappen Minute war bereits alles vorbei. „Na Kleiner, das war ja ein kurzes Vergnügen, Piccolöchen, wa?!“ Dabei hatte Knöfel noch gar nicht richtig losgelegt, aber dem ausgehungerten Ingo war es ein Fest. Endlich eine richtige Frau, dachte er und wollte mehr, wollte alles und für immer.

Die Wohnung erinnerte Ingo an die bunten Keller der Thaioasen und rochen auch so; eine Mixtur aus Haarfärbemitteln, Duftsteinen, Chinanudeln und billigem Drogerieparfum, nassem Hund und Vaseline. Und mitten drin dieses wilde Wesen, wunderschön auf wahnsinnig hohen Stöckelschuhen in knallbuntem Pailettenkleid und wüster Haarpracht, das sich zum Tisch herunterbeugte, um eine fette Nase Kokain zu schnupfen. Ingos große Augen wechselten zwischen dem Berg aus Kokain und den Fleischbergen im Dekoltee hin und her. Am Liebsten hätte er seine Nase in beidem zugleich vergraben. „Na Süßer, hast Du schonmal; willste auch? Bringt uns ganz schnell wieder auf Spur nach dem Schock!“. Ingo beugte sich herunter und gerade, als er das Röhrchen ansetzte, spührte er Knöfels Finger seine Eier umkrallen und atmete vor Schreck tief ein. „Alter!!!“, prustete er im Hochkommen. „Na, das ist doch schön Süßer. Jetzt machen wir uns das erstmal bequem“. Sekunden später zerplatzten Ingos Traum wie eine überprall gefüllte Gummipuppe unter der Last seiner gewaltigen Wünsche, als er zwischen Knöfels Beine fasste und anstatt der erwarteten Muschi einen halbsteifen Schwanz zu fassen bekam. Sofort waren all die Erinnerungen an die Bahnhofstoiletten, geile alte Männer und die Angst wieder da. Der Schmerz förmlich zu riechen, ausgesetzt, ausgenutzt und missbraucht zu werden. „Na was ist denn mit meinem kleinen Schatz? Noch nie einen schönen Schwanz gehabt“, fragte Knöfel mit extrasüsslichem Schwung in der Stimme. „Bisschen Popers? Wirst Du mögen! Dann schlüpf ich so sanft in Dich rein, daß Du denkst, Du kannst fliegen, hahaha.“

Zu spät, dachte Ingo. Zurück auf die Straße wollte er nicht. Hier war es warm. Hier gab es alles und vielleicht war das eben sein Schicksal, nachdem die einzige Frau in seinem Leben ihn viel zu früh hat in seinem Gitterbett sitzengelassen.

Von diesem Tag an waren Knöfel und Ingo ein Paar und Knöfel kümmerte sich um Ingo, der alles machte, was Knöfel wollte. Er bekam seinen ersten Job. Als Türsteher in der Bar, wo Knöfel regelmäßig als Frau auftrat, um Touristen das verruchte Leben auf der Reeperbahn vorzuspielen. Als Türsteher konnte Ingo regelmäßig seinen Frust an angetrunkenen Touristen auslassen. Dann und wann verschätzte er sich und bekam selber eine Abreibung, aber seine Gegner hatten immer Mitleid bekommen, wenn sie die Angst in Ingos Augen sahen, die Angst, wieder zu verlieren. Er allein wußte, daß er schon verloren hatte – alles für immer. Meist suchte sich Ingo aber die Wehrlosen aus. Das war seine Strategie zum Überleben; sich nach unten orientieren, wegducken, wenn er einer echten Herausforderung gegenüberstand.

Wenn er Knöfel über den Kiez begleitete und Knöfel angegafft wurde, fühlte sich Ingo selber wie ein Star. Immerhin war er dabei, ging neben der berühmten Transe und nur er, meinte Ingo begehrt von Knöfel. Das war natürlich Quatsch und Ingo war ja selber dabei, wenn bei den regelmäßigen Orgien jeder jedem die Schwänze lutschte und Ingo anschließend Sessel, Sofas, Tische und Teppiche und an einfach allen erdenklichen Orten in Knöfels Wohnung Sperma und Erbrochenes wegputzen mußte. Er heulte dann manchmal wie in seinem Gitterbett und wünschte sich, seine Mutter hätte ihn nicht allein gelassen in all diesem Schmutz. Drei Jahre später war Ingo nur noch Türsteher und Knöfel durfte er nur noch als sogenannter „security“ von Tür zu Tür begleiten. „Freiheit ist das höchste Gut“, hatte Knöfel gesagt und Ingo eine eineinhalb Zimmer Wohnung in Billbrook besorgt. Immerhin, meinte Ingo, gehörte er noch irgendwie dazu und genoss weiter die Blicke der Touristen, wenn er neben Knfel die Reeperbahn entlangging.

An diesem Abend hatte Knöfel eine besonders wildbunte, neongelborangegesträhnte Perrücke auf und trug ein blaupailliertes Kleid mit rotsamtenen Highheels. Das Kleid erinnerte Ingo an ihren ersten gemeinsamen Abend, als er und Knöfel sich kennengelernt hatten. Das war fast hier um die Ecke beim Casino, Ecke Hamburger Berg. „Bist Du dumm?!“ hatte Knöfel auf Ingos Frage danach geantwortet oder besser festgestellt. An der Ampel gafften die Leute wieder, aber jetzt störte Ingo das Gaffen, denn nun wußte er, daß er nicht dazu gehörte, nie wirklich dazu gehört hatte.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblickte er einen ihnen entgegenkommenden Mann, schmale Figur. In seinem gepflegten Anzug paßte dieser Mann nicht in Ingos Welt, paßte ihm nicht. Unvermittelt umgriffen seine aufgepummten Arme den Mann und schleuderten ihn zu Boden, als müsse Ingo endgültig etwas loswerden, von sich abschütteln. Als der Angegriffene gerade wieder aufstehen wollte, stürmte Ingo bereits wieder auf ihn los, um weiterzuprügeln. Ein, zwei Schritte, in denen der Angegriffene Ingos Angst sehen konnte und begriff.

Als Ingo ihn erreicht hatte, ging alles ganz schnell. Das Messer drang kurz und heftig in Ingos Oberschenkel ein, zerfetzte seine Schlagader und während Ingo zusammensackte, fuhr die Klinge über seinen Hals. Ingo konnte noch die Mischung aus Urin und Blut über den Bürgersteig in den Gully fließen sehen. Dann war Schluss.

Klaus Oehler - Subjektivität und Selbstbewusstsein - Subjectivity and self-confidence in the ancient world

 

Foreword

 

At the beginning of the 1930s, however, Gerhard Krüger published an essay in the magazine Logos entitled „The Origin of Philosophical Self-Confidence“, initially neglected, then gradually drawing attention over the decades. Today it is considered a classic text of the modern analysis of the history of consciousness.

For my own work on this subject, this text by my teacher Gerhard Krüger (1902-1972) was the decisive impetus, which prompted me to make the philosophical problem of consciousness in antiquity the subject of extensive research. That was in the early 1950s when I started working, a site that is still largely unexplored for detailed analysis. The question on which the work focused on over the years was the question of how relationships were presented for classical Greek philosophy and what your understanding of the structure of the self-relationship was. The problem of subjectivity and self-confidence in the ancient world became central. His adaptation led to a new view of the discovery story of self-confidence, which shows in what sense Descartes is not just a beginning, but also the end of a development, which means that untapped thinking options have been forgotten for centuries. The document presented here summarizes the results of these works in the form of synopsis and retraction.

 

Hamburg, December 1996

Klaus Oehler

 

I.

The origin of philosophical self-confidence among the Greeks

 

 

Philosophy historiography is not exactly poor in theses that have been passed on from one generation to the next unchecked for a long time, often over centuries. In this repertoire, an assertion of unrivaled tenacity and longevity has proven itself, the undisputed validity of which continued until the middle of this century, until the ground was removed from it by relevant research and it was refuted so sustainably that it is difficult for younger researchers today, to believe in the seriousness of this long-held assumption. It was the opinion that only the modern age had developed a philosophical concept of self-confidence, just as the modern age had discovered the reflection of knowledge on knowledge itself as a possibility of knowledge. However, based on the correct attitude that the reflection of knowledge on knowledge itself is the central theme of modern philosophy, the passion for discovery overlooked the fact that the question in this direction is older and was already familiar to Greek philosophy, but that, because here the matter at stake was in a different perspective, there was no other answer to this question than modern times. The fact that self-confidence in the modern sense does not occur in classical Greek thinking is not the result of epistemological naivety but the result of an explicit rejection of a possibility that is unacceptable within the scope of one's own philosophical approach. Likewise, Greek philosophy has developed a fully valid reflection on the cognition itself in its own framework.

Since comparable studies were lacking back in the early 1950s, when I turned to this problem, it was not the task to ask Plato and Aristotle's account of the relationship between ancient times in a first presentation of the teachers of noetic and dianoetic thinking To get philosophy into reflection at all and to come to an answer to the initial question, whether the problem of reflection and self-confidence, which is central to modern philosophy, has already played a role for classical Greek philosophy, for Plato and Aristotle, and if not or not in the same way, for what reasons. That was the starting point.

The natural behavior of man towards the world, as is still the prevailing, common in everyday life, is dominated by the impression of things and events that affect people in self-forgotten experiences. With this attitude, he lives in a world of pre-conditions, which fascinate him again and again with new impressions and establish that, of course, unreflected self-evident facts that do not give him the idea that what he experiences presupposes a whole bundle of experience files and as what he experiences can only be known to him in certain circumstances. This state of affairs continues until there are resistances in his life execution, which necessitate him to check the way he feels. In this crisis there is self-reflection, and this awareness and self-awareness is the first step on the way to the question of how, i.e. in what forms he is aware of being at all.

This turning of the gaze and the turning towards oneself and towards the world consciousness of the ego is reflection. Reflection is always self-reflection, i.e. Consciousness of consciousness. What becomes the object of reflection are the typical acts and forms of consciousness that are used in the unreflected, directly object-related attitude. This reflection can be made the object of a further reflection and the second a third, etc., so that iteration leads to the gradation of the reflections and thus levels of consciousness, the initiation of which is the subjectivity of the subject


The all-encompassing problem before which the question of the prerequisites for world ownership leads is that of the relationship between spirit and nature, between thinking and being, between subject and object. Hegel explained in the introduction to the history of philosophy that modern philosophy was determined by the contrast in these relationships or by the search for unity in opposition, while Greek philosophy was still at ease without the opposition of his thinking, although he did so Hegelian table always shifts in this ratio ten to one so the government wants to register philosophy around Hellenism around Neoplatonism. This Hegelian schema of the development of Greek philosophy had a lasting effect on the structuring of Greek philosophy by Eduard Zeller and Albert Schwegler and the subsequent historiography of philosophy. Characteristic of early and classical ancient philosophy in this interpretation is that on the whole unproblematic, harmonious relationship of Subjective and objective. Against the background of this interpretation of Greek philosophy, reference must also be made to the pre-Socratic thinking in Nietzsche and Heidegger. Heidegger is concerned with the repetition of the true beginning of our spiritual-historical existence that was supposedly lived in pre-Platonic Greece, since according to his historical conception, occidental philosophy has been a history of oblivion, that is, a process of degeneration, since Plato. So also for Nietzsche, whose interpretation of the Dionysos myth in the “Birth of Tragedy” as the original myth of authentic life has emerged in recent myth research as a historical late birth whether and as a nostalgia for the innocence of the beginning. Both Nietzsche and Heidegger want to banish the ghosts of a "decadent" late period with their spirit of a supposed originality and initiality of thinking. We have known for a long time that such stagings of the history of philosophy, which are based on the rules of the dramaturgy, are in the service of self-staging and have very little to do with the historical facts. The Homeric epics were once thought to be those that breathe the youthful spirit of the early human age; today we know that they are the endpoints of a long cultural development.

Whenever one starts the awakening emancipation of subjectivity in the development of ancient philosophers, it is inevitable to pay attention to how the experience necessary for reflection comes about in advance. It has already been pointed out that the self-assuring relationship between man and himself is brought about by obstacles which inevitably block his path and unsettle him in his existence. One type of such existential questioning is, for example, awareness of one's own guilt. The guilty person, who has fallen out of the order of the community or is outcast, experiences through his distinction an uncanny, hitherto unknown independence that creates a self-understanding based on his consciousness of conscience, for which the newly discovered self-confidence is constitutive. This origin of self-consciousness from conscience becomes a moving event, especially in the Greek tragedy and is constructively represented here, as we can see. But Homer and ancient Greek poetry are also of particular importance for this phase of the discovery story of the ego for our backward-looking reconstruction. Roman erotic poetry provides factual insights into the self-referential structure of emotions on the problem of consciousness in the non-Christian Roman world.

In the reflected attitudes, one's own body and its limbs are understood as apparently being in their own right, as opposed to consciousness, so to speak, as a result of which the natural unity of physical and mental personal being is divided. Through this return of the ego, which is rooted in the erotic experience, to itself, to its interior, which then rises critically to its exterior, a new rational self-understanding is awakened on the basis of the division, which emancipates itself from the physicality......

........to be continued.

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